LGBTQ+ und Glücksspiel: Berliner Preis spaltet die Community

Ein Preis, der mehr kostet als bunte Flaggen

Berliner Spieleentwickler gewinnen internationale Awards. Das klingt gewöhnlich. Aber wenn ein Glücksspielkonzern mit Hauptsitz in der Hauptstadt den PRIDE Champion Gold bei den Women in Gaming Diversity Awards 2025 erhält, horcht man als queere Community kurz auf. Die GAMOMAT Development GmbH, Teil der Merkur/Gauselmann-Gruppe und einer der großen Namen in der deutschen Spieleindustrie, hat genau das geschafft. Dr. Alexandra Krone und Anni Bonev nahmen zusätzlich individuelle Ehrungen für ihren Einsatz im Feld von Diversity und Inklusion in der Glücksspielbranche entgegen – ein Signal, das weit über die übliche Juni-Rhetorik hinausreicht.

Die Branche reagiert gespalten auf solche Meldungen. Die einen feiern jeden Regenbogen auf einer LinkedIn-Seite, die anderen fragen sich, ob hinter dem Pride-Label echte Arbeit steckt oder bloß ein Marketing-Budget für Juni. Im Fall von GAMOMAT lohnt sich der zweite Blick. Dass ein Unternehmen, das tief im iGaming verwurzelt ist, eine PRIDE Champion Zertifizierung als Arbeitgeber anstrebt und erhält, wirft Fragen auf – und ein paar Antworten gibt es inzwischen.

Die Messlatte der Women in Gaming Diversity Awards

Die Awards werden nicht für einen guten Pride-Monat vergeben. Das unterscheidet sie von vielen anderen Branchenpreisen. Die Jury – verantwortet von der UHLALA Group unter der Leitung von Sarah Greiner-Miethe – prüft, ob Unternehmen LGBTIQ Diversity Management im Unternehmen ganzjährig strukturell verankern. Konkret geht es um interne Förderprogramme, diskriminierungsfreie Einstellungsverfahren, sichtbare queere Führungspersonen und Produkte, die ohne stereotype Geschlechterbilder auskommen. Wer nur im Juni Regenbogenlogos aufstellt, kommt in dieser Kategorie nicht weit. Die Verleihung fand im Savoy Hotel London statt, einem Ort, der für altehrwürdige britische Etikette steht – und nun eben auch für die Frage, wie ernst es die Spieleindustrie mit Gleichstellung meint.

GAMOMAT hat nach Aussage der Preisverleihung in mehreren dieser Felder geliefert. Die individuellen Auszeichnungen für Krone und Bonev belegen, dass Diversity-Arbeit im Unternehmen von Personen getragen wird, die Entscheidungsbefugnis besitzen. Das ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied zu Firmen, die queere Themen an eine unterfinanzierte Arbeitsgruppe delegieren und dann vergessen. Wer Frauen in Führungspositionen der Spieleentwicklung sichtbar macht und mit Budget ausstattet, setzt einen anderen Maßstab als jene, die Diversity als freiwillige Zusatzaufgabe behandeln.

Berlin als Knotenpunkt zwischen Gaming und queerer Kultur

Die Preisverleihung 2025 unterstreicht Berlins Rolle als Schnittstelle zwischen queerer Kultur und Gaming-Industrie. Die Stadt ist Tourismusziel für QueerCityPass-Nutzer:innen, die mit einem Ticket ÖPNV fahren und Rabatte an queeren Orten erhalten. Sie ist zugleich Produktionsstandort für Unternehmen, die digitale Unterhaltung mitgestalten. Die Verbindung ist enger, als es auf den ersten Blick wirkt: Wer am Wochenende durch Schöneberger Bars zieht, konsumiert unter der Woche womöglich Spiele, die in denselben Kiezen entwickelt werden. Queere Sichtbarkeit im iGaming ist hier kein abstraktes Konzept, sondern eine Frage des Stadtteils.

Mehrere auf Inklusion geprüfte Plattformen wie LiraSpin arbeiten zunehmend mit zertifizierten Entwicklerstudios zusammen, die Diversity nicht nur behaupten, sondern belegen können. Der Fokus liegt dabei auf Studios, die faire Repräsentationspraktiken und transparente Strukturen nachweisen. Für Spieler:innen, die Wert auf diskriminierungsfreie Unterhaltung legen, wird diese Entwicklung langsam sichtbar. Eine Nominierung für den Women in Gaming Diversity Award ist in diesem Kontext ein echtes Unterscheidungsmerkmal – kein Garant, aber ein Indiz.

Queere Inklusion jenseits des Regenbogen-Logos

Was heißt strukturelle Inklusion bei einem Spieleentwickler konkret? Es beginnt bei der Figurengestaltung: Vermeiden Slots und Casual Games die übliche heteronormative Inszenierung? Werden bei der Besetzung von Voiceover-Rollen queere Sprecher:innen berücksichtigt? Existieren interne Richtlinien, die sexistische oder transphobe Inhalte aktiv ausschließen? Das sind Fragen, die über die Sichtbarkeit eines Pride-Logos auf der Firmenwebsite hinausgehen. Eine inklusive Unternehmenskultur bei Spieleherstellern misst sich an dem, was im fertigen Produkt fehlt – an Klischees, an Ausgrenzung, an faulen Witzen.

GAMOMAT gehört zu einem Konzern, der traditionell im Glücksspielbereich operiert. Die Strukturen dieser Branche waren lange von einer sehr spezifischen Ansprache geprägt – männlich, heterosexuell und an klassischen Rollenbildern orientiert. Wenn sich hier etwas bewegt, dann bewegt es sich an einem Ort, der für queere Themen bisher wenig durchlässig war. Das macht die Auszeichnung bemerkenswert, aber auch erklärungsbedürftig. Ein Preis allein ersetzt keine kontinuierliche externe Prüfung der Produktionspraxis. Die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) prüft Anbieter auf Spielerschutz und regulatorische Compliance, nicht auf queere Sensibilität. Wer Vielfalt als Erfolgsfaktor bei Online-Casinos ernst nimmt, braucht deshalb zusätzliche Instanzen – und eine DEI-Strategie in der Casino-Software, die über das Zertifikat von BMM Testlabs für RTP-Werte hinausgeht.

Was das für die Community bedeutet

Für Nutzer:innen von QueerCityPass ist die Meldung mehr als eine Branchennotiz. Sie zeigt, dass in der Berliner Wirtschaft Akteure existieren, die sich mit queerer Inklusion auseinandersetzen, ohne dass diese Information die eigene PR-Abteilung sofort als Werbetext verlässt. Das ist relevant, weil queere Tourist:innen und Locals längst nicht mehr nur Gastro und Clubs bewerten, sondern sich fragen, welche Unternehmen im Stadtraum tatsächlich hinter den Regenbogenfahnen stehen. Das PRIDE Champion Siegel, verliehen von einer unabhängigen Jury, liefert dafür immerhin einen Anhaltspunkt.

Die Women in Gaming Diversity Awards machen Sichtbarkeit messbar. Sie benennen Personen, die Verantwortung tragen. Und sie vergeben ihr höchstes Gold an Firmen, die ganzjährig liefern müssen. GAMOMAT hat diesen Standard 2025 erfüllt. Die Gleichstellung in der Gaming-Industrie Deutschlands wird durch solche Verfahren nicht automatisch erreicht – aber ein Preis, der konkrete Nachweise verlangt, ist mehr wert als dreißig bunte Logos im Juni.

Die Frage für die kommenden Jahre lautet, ob der Konzern die begonnene Linie konsequent weiterverfolgt – und ob andere Berliner Entwicklerstudios nachziehen. Ein Preis ist ein Anfang. Entscheidend ist, welche Spiele danach entstehen.